Leseprobe

Ich weiß was du getan hast


Der Mörder sticht dem Opfer in die Kehle.
Der Mobber sticht dem Opfer in die Seele.“


 (Robert Keller, Jurist)



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Heute würde er seinem Leben ein Ende setzen. Er stand hoch oben auf dem Hochhaus und sah hinab. Es ging sehr weit in die Tiefe. Den Sprung würde er auf keinen Fall überleben. Er hatte alles genau geplant. Hatte dem Hausmeister erst einen Tag zuvor den Schlüssel für das Dach stibitzt und damit die Tür zum Dach des Hauses, in dem er wohnte, aufgeschlossen. Anschließend dem Hausmeister den Schlüssel unauffällig in den Briefkasten geworfen. In seiner Wohnung, einige Etagen tiefer, hatte er einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er in kurzen Sätzen erklärte, was in seinem Leben schiefgelaufen war. Vielleicht hätte er besser einen Brief verfasst, was in seinem Leben gut lief, dann wäre nur ein Wort notwendig gewesen: Nichts.

Er wusste nicht mehr genau, wann das Drama seinen Anfang nahm. Vielleicht war es der Tag, als er beschloss, seinen Arbeitsplatz zu wechseln, um eine neue Stelle mit besserem Gehalt anzunehmen. Wieso nur? Er konnte es nicht mehr nachvollziehen. Der Abteilungsleiter in der neuen Firma hatte ihn von Anfang an auf dem Kieker. Er ließ keine Gelegenheit aus, seine Arbeit herunter zu putzen, machte ihn wegen jeder Kleinigkeit zur Schnecke, stellte ihn vor allen Kollegen bloß. Wann immer irgendetwas schief lief, er war dafür verantwortlich. Wenn er etwas gut machte, wurde es ignoriert. Er verstand nicht, warum. Er wusste nicht, was der Abteilungsleiter gegen ihn hatte. 

Aber er hasste ihn abgrundtief. Er den Abteilungsleiter und der Abteilungsleiter ihn. Und dann war passiert, worauf der Abteilungsleiter solange gewartet hatte. Ihm war ein Fehler unterlaufen. Kein großer. Er arbeitete im Einkauf und hatte versehentlich ein Produkt in der falschen Menge gekauft. Eine einfache Stornierung hätte es getan. Aber das wollte der Abteilungsleiter gar nicht. Er wollte die Chance nutzen, ihn fertig zu machen. Richtig fertig zu machen. Der Abteilungsleiter berief eine Teamsitzung ein, und zeigte allen anwesenden Kollegen die Bestellung, die er getätigt hatte. Allen vorzuführen, wie unfähig er war, wie dumm. Dass man ihn lieber als Putzmann hätte einstellen sollen, statt als Einkäufer. Dass er die Geschäftsleitung wohl bestochen haben musste, um die Stelle zu bekommen. Der Abteilungsleiter genoss es, ihn bloß zu stellen. Aber selbst das reichte ihm nicht. Er ging noch weiter. Er sollte ab sofort jede Bestellung, jeden Einkauf, jede Stornierung kontrollieren und abzeichnen lassen. Aber nicht vom Abteilungsleiter, sondern von einem Azubi! Und dieser stand in der Hierarchie unter ihm. Ihm kochte das Blut. Er hasste diesen Dreckskerl so sehr, er hätte ihm am Liebsten ins Gesicht geschlagen. So ein Mistkerl! Er hätte kündigen sollen. Schon gleich in der ersten Woche. Spätestens nach diesem Zwischenfall. Was er nicht tat, weil die Bezahlung gut war und er auf eine Versetzung in eine andere Abteilung hoffte. Statt der Versetzung bekam er dann die Kündigung. Sein Abteilungsleiter hatte ihn nicht nur vor allen Kollegen herunter gemacht, sondern auch bei der Geschäftsleitung schlecht gemacht. Er wurde mehr oder weniger raus geekelt. 

Als er an diesem Tag nach Hause kam, war er überzeugt, noch dreckiger, noch mieser hätte er sich nicht mehr fühlen können. Er war so wütend, so frustriert und gleichzeitig auch so beschämt. Er wollte sich erst mal einen starken Drink gönnen und Gott danken, dass er aus dem Laden raus war. Er irrte sich. 

Als er nach Hause kam, erwischte er seine Frau mit seinem besten Freund im Bett.

Er schloss die Augen. Das Bild vor sich. Wie hatte sich sein einst so gutes Leben in so kurzer Zeit in einen solchen Alptraum verwandeln können? Dem Seitensprung folgte noch eine ganze Reihe anderer Ereignisse, eines schmerzhafter wie das andere. Und jetzt war er am Boden zerstört. Am Ende. Er ertrug diese ständigen Erniedrigungen von allen Seiten einfach nicht mehr. 

Es war dunkel an diesem Maiabend. Dunkel und kühl. Eine sternenklare, eiskalte Nacht. 

Er sah auf die gegenüberliegende Seite, wo sich ein anderes Hochhaus befand. Er sah Licht brennen. Eine Familie, die mit ihren Kindern am Esstisch saß - wann hatte es das zuletzt bei ihm gegeben? Zwei Teenies, die sich einen Film ansahen - wie gerne hätte er mit einem von ihnen getauscht, sie wirkten so glücklich und sorglos. Aber vermutlich trog der Schein. 

Es war egal. Alles war besser als seine Situation. Aber darum musste er sich in wenigen Sekunden nie wieder Sorgen machen. In einer anderen Wohnung war Licht angegangen. Er sah ein Pärchen, das miteinander diskutierte. Er fragte sich, ob sie auch diskutieren würden, wenn sie wüssten, was ihm alles passiert war. Vermutlich würden sie sich erleichtert und glücklich umarmen. Er tat auf dem Kiesdach einen Schritt nach vorne und blickte hinab. Er sah die Mülltonnen, einen Baum, Rasen. Er würde so springen, dass er auf dem Asphalt landen würde. Kurz und schmerzlos. Die Höhe war schwindelerregend. Es ging wirklich verdammt tief hinab. Er spürte wieder, wie er den Tränen nahe war. Er hatte so oft geweint, die letzten Tage. Er hatte gar nicht mehr aufhören können. Zumindest hatte er versucht, etwas zu retten.

Nach seinem Rauswurf und der Geschichte mit seiner Frau wollte er neu anfangen, ein neues Leben. Aber wie? Es gab niemanden mehr. Sein einziges Kind war tot. Noch immer spürte er den bohrenden Schmerz, wenn er daran dachte. Es war als hätte ihm jemand einen Dolch in sein Herz gerammt. Er hatte es nicht kommen sehen, er hatte ihm nicht geholfen. Seine Frau war danach nicht mehr dieselbe. Sie waren beide gelähmt in ihrem Schmerz. Sprachen nicht mehr miteinander, gingen nicht mehr aus, taten eigentlich überhaupt nichts mehr.

Andere Familien lernten, mit ihrem Verlust zurecht zu kommen. Der Verlust verband sie. Aber nicht seine. Seine Familie war daran zerbrochen. Er hatte versagt. Wieder einmal. 

Er schaute erneut zum Gebäude gegenüber. Das Paar stritt sich ziemlich heftig. Er kannte die Frau. Die beiden brüllten sich gegenseitig an, sie gestikulierte wild mit den Armen. Da das Fenster geschlossen war, konnte er nicht hören, worum es ging. 

Es war auch nicht wichtig. Nichts mehr war wichtig. Er würde in wenigen Augenblicken seinen Frieden haben. Vorsichtig ging er auf die Brüstung zu. Er wollte sehen, wo genau er landen würde. Umso näher er dem Rand des Daches kam, desto stärker raste sein Herz. Sie hatten Recht. Sie alle. Er war ein Nichtsnutz. Zu nichts zu gebrauchen. Von allen verlassen oder rausgeworfen. Jetzt hatte er nicht einmal mehr genug Geld, seine Miete zu bezahlen. Es war vorbei. Er konnte nicht mehr. Er stand hoch oben, direkt am Rand. Ihm wurde beinahe schwindlig, so tief ging es hinab. Er sah Autos, die Straße unter ihm. Er war nur noch einen Schritt entfernt. Einen Schritt und er hatte für immer Frieden. Erneut lief ihm eine Träne über die Wange. Er sah zu dem streitenden Pärchen hinüber. Der Mann schritt, noch immer wild schreiend, durchs Zimmer und knallte die Wohnungstür hinter sich zu. 

Er trat ein wenig vom Dachrand zurück. Warum zögerte er? Er bückte sich, hob die halbvolle Bierflasche auf und trank einen Schluck. Der Alkohol sollte es ihm einfacher machen. Aber er war noch nicht so weit. Er nahm einen weiteren, kräftigen Schluck. Er fragte sich, wie die anderen wohl reagieren würden, wenn sie von seinem Suizid erfuhren. Würden sie geschockt sein? Entsetzt? Oder würde es ihnen scheißegal sein? Vermutlich letzteres. Vermutlich würde die einzige Person, die an seinem Grab stand, der Pfarrer sein. Und die Leute, die das Grab zuschaufeln mussten. So wie er seine Ex-Frau kannte, würde sie sich noch über die teure Bestattung beschweren. 

Er leerte die Flasche in einem Zug. Gegenüber entdeckte er, dass der Mann wieder zurückgekommen war. War es derselbe? Allerdings sah es von hier aus nicht so aus, als wolle er sich entschuldigen. Er ging auf die Frau zu und schlug ihr ins Gesicht. Er schüttelte fassungslos den Kopf. Was für ein Arschloch. Naja, nicht sein Problem. 

Er hatte den Mut gefunden. Ganz langsam ging er auf die schmale Brüstung zu. Er nahm die Bierflasche und warf sie hinab. Nach einigen Sekunden zerschellte sie lautstark auf dem Asphaltboden. Er sah sich auf der Straße um. Es schien niemandem aufgefallen zu sein. Sie waren in der Gegend Randalierer gewöhnt. Er stieg auf die schmale Brüstung. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Der Alkohol benebelte seine Sinne nicht ausreichend. Aber ausreichend genug, um es zu Ende zu bringen. Nie wieder Schmerzen. Nie wieder Demütigungen. Nie wieder dieses Gefühl der Verzweiflung, der Angst, der Ausweglosigkeit. Er würde Frieden finden. Und vielleicht in einem neuen, glücklicheren Leben aufwachen. Er spürte ein Gefühl von Glück, fast schon Euphorie. Er warf einen allerletzten Blick zu dem Pärchen. Und hielt in der Sekunde, in der er springen wollte, inne. 

Das Pärchen stritt nicht mehr. Die Nachbarin lag auf dem Boden. Der Mann packte sie an den Haaren und schleifte sie zum Fenster. Was geht denn da ab?, fragte er sich. Der Mann auf der gegenüberliegenden Seite ließ die Frau los und öffnete die Balkontür. Er schleifte sie hinaus. Dann packte er die Frau an der Hüfte und warf sie vom Balkon.



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Spiel mit mir!



"Wer nach Rache strebt, hält seine eigenen Wunden offen."

(Francis Bacon, engl. Philosoph und Staatsmann)




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Er ging durch die dunkle, menschenleere Gasse, wo zu so später Stunde kaum noch jemand unterwegs war. Es hatte länger gedauert, bis er heute Feierabend machen konnte. Der Berg an Arbeit in seinem Büro hatte sich über den Urlaub so angehäuft, dass er die ganze Nacht hätte durcharbeiten können und er wäre bis morgen früh immer noch nicht fertig gewesen. Er war Immobilienmakler und die Anfragen per Mail gingen in den höheren dreistelligen Bereich. Viele der Anfragen konnte er gar nicht entgegennehmen, weil die Wohnsituation so extrem angespannt war, dass die vielen Singles, die eine kleine Einzimmerwohnung suchten, kaum realistische Chancen hatten, etwas zu finden. Nicht mit und nicht ohne ihn. Allerdings galt das nicht nur für Singles, die ein kleines Budget hatten, sondern im Prinzip auch für alle anderen Wohnungssuchenden. Im Zentrum der Stadt war es beinahe unmöglich, etwas Bezahlbares zu erhalten, sofern es nicht eine völlige Bruchbude sein durfte. Erst neulich hatte er für ein junges Pärchen eine 2,5-Zimmerwohnung organisiert, nahe der Innenstadt, die allein 800 € Kaltmiete gekostet hatte. Er hatte seinen beiden Klienten angesehen, dass dies nicht ganz ihrer Preisvorstellung entsprach, aber aufgrund der Tatsache, dass sie schon seit Ewigkeiten suchten, hatten sie keine andere Option mehr, als zu nehmen, was sie bekommen konnten. Für ihn war es gut. Er kassierte die Provision.
Während er seine Mails bearbeitete, klingelte ständig das Telefon und weitere Anfragen kamen herein. Teilweise von Leuten, die schon regelrecht verzweifelt waren. Aber was sollte er tun, er konnte keine Wohnungen herbeizaubern, sondern nur verkaufen, was auf dem Markt vorhanden war. Und wenn die Leute nicht genug Geld hatten, hatten sie eben Pech.
Er bog ab und folgte einer weiteren kleinen Gasse, die genauso menschenleer war, wie die vorige. Bis zu seinem Haus war es nicht mehr weit. Seine Kinder schliefen mit Sicherheit bereits und seine Frau war vermutlich vor dem Fernseher eingedöst.
An diesem Abend, Ende Oktober, war es verdammt kalt. Obwohl die Temperaturen die letzten Tage für Oktober noch relativ mild gewesen waren, hatte es jetzt bereits Minusgrade. Er zog seinen Mantel enger um sich und beschleunigte sein Tempo. In maximal zehn Minuten saß er daheim auf seinem Sofa, konnte sich noch ein Bier gönnen und ein bisschen Fernsehschauen. Der Gedanke erwärmte ihn. Es war ein verdammt gutes Gefühl, Feierabend zu haben. Insbesondere, da er morgen nicht allzu früh wieder raus musste.
Ein Geräusch hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Es war ein Klappern hinter ihm, als hätte jemand eine Mülltonne umgestoßen. Er drehte sich um, konnte im Halbdunkel aber nicht viel ausmachen. Da er den Weg jeden Tag ging, wusste er, dass dort mehrere, alte Mülltonnen standen. Vermutlich eine streunende Katze oder ähnliches. Er drehte sich wieder nach vorne um und ging weiter. In einiger Entfernung sah er bereits die Straßenlaternen. Dort wurde es heller und er konnte die dunklen Gassen hinter sich lassen. Abermals ließ ihn ein Geräusch sich reflexartig umdrehen. Diesmal meinte er, Schritte gehört zu haben. Plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Er war nicht alleine. Obwohl er sonst nicht der Typ war, der zu Panik oder Angstgefühlen neigte, war ihm jetzt mulmig zumute. „Hallo?“ rief er in die Dunkelheit. „Ist da jemand?“
Keine Antwort. Er lauschte einige Sekunden, doch es war wieder vollkommen still. Kein Mucks zu hören. Er wartete, bis sich seine Augen ein wenig besser an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er sah die Häuserfassaden, die hier nicht gerade, sondern nach oben hin leicht schräg in die Gasse hingen und es dadurch noch dunkler werden ließen. Er konnte eine defekte Straßenlaterne ausmachen. Die einzige auf dem Weg, die aber schon seit Ewigkeiten außer Betrieb war und vermutlich auch nie ausgetauscht werden würde. Und ein paar Müllsäcke, die vor einem Hofeingang auf der rechten Seite standen. Die Gasse war heruntergekommen und ziemlich schmuddelig. Nicht auszudenken, wer sich hier nachts so herumtrieb. Ihm wurde mulmig zumute. Die Kälte zwang ihn weiterzugehen. Er beschleunigte seinen Schritt. Umso schneller er daheim war, desto besser. Nur noch wenige Meter trennten ihn von der beleuchteten Straße auf der anderen Seite. Dann hörte er wieder das Geräusch. Schritte, einen Atem. Diesmal viel näher als eben. Er drehte sich blitzschnell um. „Hallo? Wer zum Teufel ist da?“ Seine Stimme klang fest. Es war eine Mischung aus Wut und Verunsicherung. Spielte ihm da jemand einen dummen Streich? Wollte ihm jemand Angst einjagen? Aber das würde nicht so leicht klappen. Zumindest redete er sich das ein. Er wartete, er spürte, dass da jemand war. Wo bist du, Mistkerl?, fragte er sich. Komm schon her und sag, was du willst. Es war stockfinster. Er konnte in der Gasse, aus der er gekommen war, absolut nichts mehr erkennen. Er wartete, achtete auf jedes Geräusch. Doch es blieb mucksmäuschenstill. Kaum für möglich zu halten, dass es in einem Ort, wo jeden Tag Trubel und dutzende Pendler unterwegs waren, jemals so still sein konnte. Nachdem er einige Minuten reglos auf der Stelle verharrt war, ohne dass etwas passierte, dachte er, verdammt, was soll‘s, drehte sich um und ging in schnellstem Tempo weiter. 
Ein jäher Knall zerriss die nächtliche Stille. 
Ein stechender Schmerz pochte in seiner Brust. Er fasste sich an das weiße Hemd und spürte, wie das warme Blut über seine Finger lief. Er hatte nicht mehr die Kraft, sich umzudrehen. Seine Tasche fiel auf den Boden, ihm wurde schwarz vor Augen. Er sank auf die Knie und hörte noch, wie sich Schritte langsam auf ihn zubewegten. „Warum?“, war sein letzter Gedanke. Dann sank er tot auf den kalten Steinboden. 


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