Meine Best-Off Kurzgeschichten

Am See

"Na komm schon, was ist los mit dir?“ 
Sie steht vorne am Steg. Es ist ein dunkler, aber warmer Juniabend. Sie streift sich ihr Shirt und Jeans ab und wirft ihm einen vielversprechenden Blick zu. Ihr nackter Körper erregt ihn. Von ihrer traurigen, in sich gekehrten Art ist in diesem Moment nichts mehr zu spüren. Sie macht einen eleganten Kopfsprung in den See. 
„Na los, komm rein!“ 
Die Sache ist ihm nicht geheuer, aber nachdem es ihr heute Abend, nach Wochen, endlich besser zu gehen scheint, gibt er sich einen Ruck und sie schwimmen gemeinsam zur Insel hinaus. Er berührt sie sanft an ihrer nassen Schulter. Im ersten Moment reagiert sich nicht darauf, dann dreht sie den Kopf zu ihm. Sein Herz schlägt wie verrückt. Sie sieht so unglaublich hübsch aus, mit ihren haselnussbraunen Augen. Doch in diesem Moment besagt ihr Blick etwas anderes. Ihre Lippen berühren sich und es folgt ein Kuss, lang und intensiv. Ein wohliges Kribbeln durchzieht seinen ganzen Körper. Sie legt sich in den weichen Sand und zieht ihn zu sich. Sie lieben sich lange und lustvoll. Er fühlt sich glücklich in diesem Augenblick. Heute wirkt sie völlig verändert, nachdem sie ihr Klinikzimmer wochenlang nicht verließ und ihr Blick oft leer und abweisend wirkte. Er schließt die Augen und gibt sich ihrem Atem und dem leisen Plätschern des Sees hin. 
Plötzlich schreckt er hoch. Er weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist. Der Platz neben ihm ist leer, von ihr nirgends eine Spur. Er ruft ihren Namen, erhält aber keine Antwort. Panik breitet sich in ihm aus. Schnell schwimmt er zurück zum Steg. Der See wirkt mit einem Mal kalt und bedrohlich. Dichte Nebelschwaden ziehen über ihn hinweg. Wo steckt sie? Er erreicht das andere Ufer und sein Herz beginnt zu hämmern, als er neben seinen Klamotten auch ihre entdeckt. Sie kann doch nicht im Bikini zurück zur Klinik gegangen sein. In diesem Augenblick entdeckt er einen kleinen Zettel, den sie unten ihre Schuhe geheftet hat. Er nimmt ihr zur Hand. Es war, als hätte ihm jemand einen Dolch ins Herz gerammt. In diesem Moment wird ihm alles klar. Die Stimmungsschwankungen, ihre depressiven Episoden und die plötzlich Euphorie heute. Der Brief enthält nur einen einzigen Satz: 
“Danke, dass ich mich ein letztes Mal wie ein Mensch fühlen durfte.“ 


Dachböden


Eine Frau wird vermisst, Adolf ermittelt. 
„Haben Sie diese junge Frau gesehen?“ Kriminalkommissar Adolf Beckmann hielt ihm ein Foto entgegen. 
Er beugte sich nach vorne. Die Frau musste Anfang 20 sein, mit einem hübschen Gesicht und einer attraktiven Figur. Natürlich wusste er, wer sie war. Sie lag oben auf seinem Dachboden. 
„Bedaure, Herr Kommissar.“ Er schüttelte den Kopf. „Nie gesehen.“ Er dachte an sie. Die weiche, sanfte Haut, die langen, blonden Haare, die himmelblauen Augen. Er bekam eine Erektion, wenn er daran dachte, was er nachher alles mit ihr anstellen würde. Vor seinem innere Augen betrat er den Dachboden, wo sie vor ihm lag. Splitterfasernackt. Hände und Füße gefesselt, in ihrem Rachen steckte ein Knebel, den er ihr so tief hinein geschoben hatte, dass sie gerade noch genug Luft zum atmen bekam. Das stimulierte ihre Hormone und verstärkte den betörenden Duft ihrer Angst. Er liebte diesen Geruch. Er würde ihr weh tun, ihr Leiden in die Länge ziehen, ihren Widerstand brechen. Und dann, wenn sie, wie paralysiert vor ihm lag, würde er ihr die Kehle durchschneiden. Oh Gott, könnte er doch sofort hochgehen. Aber Vorfreude war bekanntlich die schönste Freude. 

„Danke für Ihre Zeit.“ Der greisenhafte Kommissar erhob sich. 
Vergiss deinen Rollator nicht, dachte er missgünstig, während Beckmann mit schwerfälligen Schritten zur Tür ging. Von oben drang ein Poltern. Der Kommissar blickte erst nach oben, dann zu ihm. Er setzte sein charmantestes Lächeln auf. Sicher nur der Wind. Adolf Beckmann schien sich nichts daraus zu machen und hatte das Fußende der Treppe erreicht. Von oben polterte es erneut. Verflucht, hatte das junge Ding etwa geschafft, sich zu befreien? Beckmann blickte erneut nach oben. Er würde sich an der Anmut und Schönheit des Mädchens laben und dieser altersschwache Gockel würde ihn nicht davon abhalten. 
Beckmann war stehen geblieben. Er beobachtete ihn genau. „Sie ist hier, nicht wahr?“ 
„Aber nicht doch“, verneinte er, bemüht freundlich. Seine Hand wanderte zu dem spitzen Messer, dass im Gürtel seiner Hose steckte. 
„Wo befindet sich Ihr Dachboden?“ 

„Ich besitze keinen.“ Er ging zur Haustür und öffnete sie. Als er sich umdrehte, blickte er in den Lauf einer Walther. 
„Zeigen Sie mir den Dachboden!“ 
Der Kommissar ließ ihm keine andere Wahl. Er musste ihn umlegen. „Aber sicher.“ Er grinste. Mit einer schnellen Bewegung griff er das Messer, holte aus – und zwei Schüsse trafen ihn in die Brust. Er knallte hart auf dem Fußboden auf. Sein letzter Gedanke galt dem Mädchen, dass so betörend roch, und als einzige von seinen 28 Opfern überleben würde. 

Gartenoase


Es ist ein wunderschön warmer Sommertag. Die Sonne scheint von einem tiefblauen, wolkenlosen Himmel hinab, die Vögel zwitschern und eine angenehm kühle Brise streichelt mein Gesicht. Ich sitze in meinem Garten. Unserem Garten. Den wir zusammen eingerichtet haben. Wir waren so glücklich zusammen, ich musste nur an dich denken und hatte tausend Schmetterlinge im Bauch. Ich lasse meinen Blick von den Tomatensträuchern über die Gewürzpflanzen bis zu dem Apfelbaum wandern. Dahinter befindet sich ein kleiner Strauch, der das ganze Jahr über rote Blätter trägt. Bis heute weiß ich nicht, was das für eine Pflanze ist, aber ich liebe es, wenn sie die Sonne einfängt und den ganzen Garten in ein rot leuchtendes Licht taucht. Was für ein Anblick. Ich wünschte, du könntest es sehen. So viele Jahre verbrachten wir gemeinsam hier, in unserer Garten-Oase, unserem Paradies. So viele Feste haben wir gemeinsam gefeiert und dann kam der Tag, auf den ich so lange gewartet habe. Du sahst bezaubernd aus, in diesem blau leuchtenden Cocktailkleid und deinem süßen Lächeln. Ich wusste, du und ich, das ist für die Ewigkeit. Ich habe die Anzeichen übersehen. Die Anzeichen, dass unseren Beziehung anfing, löchrig zu werden. Die Ausflüchte, die Ausreden, die Absagen. Als ich es endlich realisierte war es zu spät. Ich machte dir einen Heiratsantrag, nie werde ich das vergessen, und du hast mich sitzen gelassen. Noch heute spüre ich den bohrenden Schmerz, der drohte, mein Herz zu zerreißen. Am nächsten Tag hast du deine Sachen gepackt und warst weg. Es war ein Fehler. Ich wusste es. Aber es war nicht dein Fehler. Es war dieser Kerl, unser früherer Nachbar, er hat dir den Kopf verdreht. Immer nett lächelnd, um mir hinten rum meine große Liebe zu nehmen, was für ein Mensch tut so etwas? Aber das ist lange her, Schatz. Heute sind wir wieder glücklich. Die Polizei hat noch immer keine Spur, wer unserem Nachbarn den Schädel zertrümmert hat. Und sie wissen noch immer nicht, was aus dir geworden ist. Aber ich weiß es. Denn du bist bei mir. Ich zog dir dein blaues Kleid an und begrub dich unter der leuchtend roten Pflanze. Jetzt bist du hier, bei mir, in unserem Garten und wir können auf ewig zusammen sein.



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